Angelesen: Heldenwinter (Jonas Wolf)

Eigentlich sind Halblinge keine Helden. Natürlich, Frodo, Bilbo, Sam, Merry und Pippin haben da anderes bewiesen, aber jeder weiß doch, dass sie irgendwie „seltsam“ waren. Typische Halblinge waren sie jedenfalls nicht, obwohl auch sie gern dem Essen frönten.

Wie kommt es da, dass einer einen Halbling zu dem Helden seiner Geschichte macht? Halblinge sind klein, dick, unbeholfen und verfressen – und bei diesen eisigen Temperaturen würden sie sicherlich sehr an ihren Füßen frieren.

Dennoch, es ist geschehen: Ein deutscher Autor hat sich diesmal der kleinen Halblinge angenommen und einen davon zum Heldendasein auserkoren.

Weil ich das Bild von einem Heer der Halblinge im Kopf hatte, die sich todesmutig den Feinden entgegenschlägt (ein Paradoxon, wie ich meine), hatte ich etwas Mühe, mich an dieses Buch heranzuwagen. Wie soll das denn funktionieren?!

Gewagt habe ich den Blick nun dennoch, auch deshalb, weil die anderen Neuerscheinungen im Januar noch weniger interessant aussahen.

Zum Inhalt:

Namakan ist eine Waise und lebt bei seinen Zieheltern auf den Immergrünen Almen, einem unzugänglichen Wohnort der Halblinge. Doch dann tauchen eines Tages ein Krieger in einer weißen Rüstung und dessen Horde auf und verwüsten die friedlichen Almen. Namakan und sein Lehrmeister im Schmiedehandwerk, Dalarr, stehen vor den Trümmern ihres Lebens. Dalarr schwört dem Krieger in Weiß und dessen König Rache und beide ziehen aus, diesen Schwur wahrzumachen.

Nach den ersten hundert Seiten

Zwischen Haltestelle A und B in eisigen Temperaturen dieses verspäteten Winters habe ich Bekanntschaft mit Namakan, dem Halblingswaisen, und seinem Ziehvater Dalarr gemacht. Namakan finde ich nett und sehr halblingsmäßig. Er ist eher ernsthaft, etwas eingeschüchtert von der Schelterei seines Ziehvaters und Schmiedelehrmeisters, dennoch neugierig und vielleicht auch tapfer. Ich muss gestehen, er steht etwas im Schatten von Dalarr, dem zynischen, verbitterten und geheimnisvollen Schmied mit bewegender Vergangenheit. Eigentlich ist er der Held der Geschichte, zumindest bis jetzt – und Dalarr ist ein Mensch. Also noch kein Halblingsheld, sondern eher ein Halblingsheldenlehrling in Sichtweite.

Dalarr ist es auch, der der Geschichte eine ordentliche Portion Humor beifügt. Wenn er langsam seine Vergangenheit vor Namakan aufdeckt, so macht er das wunderbar bildhaft und ganz gewiss nicht zurückhaltend. Als er Namakan von seiner Werbung um seine Frau Lodaja erzählt, die kurz davor war, vielleicht seinen Rivalen Waldur zu erwählen, schimpft er rückblickend: „Waldur war bei ihr. Und weißt du, was das Erste war, was er macht, sobald er mich sieht? Er reißt sich die Kleider vom Leib und murmelt etwas von gerechten Vergleichen. Als ob ich nicht eben erst eine geschlagene Stunde durch scheißkaltes Wasser geschwommen wäre.“ (Tja, hätte Dalarr lieber mal ein Boot genommen, um auf die Insel zu gelangen. 🙂 )

Dalarr ist ein rauer Kumpan und sein Weg ist es, dem Namakan folgt. Ich bin nun wirklich gespannt, wie sich Namakan entwickeln wird. Ob er jemals aus dem Schatten seines Meisters heraustritt, den er ebenso fürchtet wie verehrt?

Jonas Wolf betreibt ein solides Handwerk. Beschreibungen der Landschaft sind relativ rar gesät, dagegen streut er immer wieder kleine Erzählungen in der Ich-Perspektive ein, die er deutlich besser beherrscht als Jennifer Fallon. Sie sind es vor allem, die zum Schmunzeln verleiten, geben sie doch einen Einblick in die Sichtweise Dalarrs. Ich jedenfalls bin froh, den Blick gewagt zu haben und wie es aussieht, werde ich den zweiten Band kaum erwarten können.

Extras: Das Buch wartet mit einer Karte (die sehr dünn besiedelt aussieht), einem Glossar und einer kleinen Vorstellung des Autors auf.

P.S.: Achja, Spinnen kommen übrigens auch vor. Man darf sich auf einen Vergleich mit Kankra freuen. 🙂

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Ein Kommentar zu “Angelesen: Heldenwinter (Jonas Wolf)

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