Eigentlich habe ich viel zu lange mit einem Ausgelesen gewartet. Denn bald schon erscheint der zweite Band. Aber da ein Angelesen immer nur bewusst die ersten Eindrücke wiedergeben soll, mache ich es dennoch.
Robin Hobb kann es einfach. Sie kann erzählen, wie sonst kaum einer in der Fantasy-Zunft. Sicher, man muss die Geduld haben, ihr zu folgen, sich auf ihre Erzählweise einzulassen und nicht vorstürmen zu wollen wie ein junger Hund. Aber wenn man die Geduld hat, wenn man eine ausgereifte Geschichte lesen möchte: Dann greife man zu Robin Hobb!
Denn ihre Charaktere, ihre Handlung, ihre Geheimnisse – sie weiß es zu erzählen und Schicht für Schicht zu entblättern, immer gerade so viel an Enthüllung zu gestatten, dass es den Leser weiter antreibt. Trotz ihrer langsamen Erzählweise finde ich „Drachenhüter“ immer noch spannender zu lesen als die wesentlich schnelllebigeren „Shannara“ und „Lieder der Erde“.
Und mit Drachen drin!
Vor allem die Drachen gefallen mir hier.
Sie sind launisch, unberechenbar, ungeheuer eitel und arrogant – und Krüppel. Sehr akribisch wird ihr Bild gezeichnet, zum einen durch die Legenden, die sich immer wieder einschleichen, zum anderen durch die wechselnden Sichtweisen der Hüterin Thymara, der Forscherin Alise und der Drachin Sintara. Während Thymara einen unverstellten Blick auf Sintara hat und Mitleid für ihren verkrüppelten Körper empfindet, aber Abscheu vor ihrem Charakter, ist Alise gebannt – weniger von Sintaras wahrem Wesen, sondern von den Legenden, die sich um die Drachen spinnen. Alise sieht Sintara also nur durch den Schleier der Vergangenheit. Und in diesem Schleier, in diesem Glanz lebt Sintara. Sie fühlt sich den Menschen überlegen, wie es sich für ihre Art gehört. Doch sie spürt die Diskrepanz zwischen ihrem wahren alten Ich und ihrem Körper. Das macht sie nicht nur arrogant und launisch, sondern auch verbittert.
Verpuppen, schlüpfen, dahin vegetieren und endlich zum ersten Mal selbst jagen – durch die Sichtweise Sintaras wird uns all das nahegebracht. Es klingt so wahrhaft tierisch. Und so sind die neuen Drachen ja auch. Kaum mehr als Tiere. Und dennoch: eben mehr. Eben das, was Legenden aus ihnen machen.
In der neuen Reihe von Hobin Hobb wird wunderbar mit dem Klischee der Drachen gespielt, die vielleicht edel und meistens auch intelligent sind, aber ansonsten unerträgliche Biester, die vor allem deshalb so schrecklich arrogant sind, weil sie zu groß sind, um sie einfach zu ignorieren.
Trotzdem fällt es schwer, Sintara nicht zu mögen. Das muss man so sagen.
Fazit: Wenn ihr unbedingt Drachenbücher lesen wollt, weil Drachen tolle Wesen sind, dann könnte Drachenhüter von Robin Hobb euch vielleicht etwas erschrecken. Drachen gibt es zuhauf, aber eben nicht unbedingt die, die man so erwartet. Aber wenn ihr eigentlich schon längst keine Drachenbücher mehr sehen könnt, dann greift unbedingt zu Drachenhüter!
Zusatzinfo: Drachenhüter ist im selben Universum wie die Zauberschiffe-Reihe angesiedelt, die in Deutschland aber leider nicht mehr erhältlich ist.
Wie so viele Romane von Robin Hobb. Band 2 erscheint im Juli.






